Projektbeschreibung

Psychosoziale Versorgung in Flüchtlingsunterkünften

Im Zuge der so genannten Flüchtlingswelle im Herbst 2015 entstand im Bezirk Steglitz-Zehlendorf ein Netzwerk von ehrenamtlichen Psychotherapeut*innen und Ärzt*innen, um in den Wohnheimen unmittelbare psychosoziale/psychologische Unterstützung bereitzustellen.

Wir konzentrieren uns dabei auf folgende psychosoziale Angebote:

  • psychosoziale Sprechstunde vor Ort,
  • Sozialberatung bei komplexen Fragestellungen rund um das Asyl- und Verfahrensrecht bis hin zur Vorbereitung unserer Klient*innen auf die Anhörung,
  • Gesprächskreise für Männer und Frauen im Rahmen eines niedrigschwelligen, kultursensiblen, gruppenpsychotherapeutischen Modells,
  • Kunsttherapie für Kinder und Jugendliche,
  • Therapieplätze für Menschen mit Traumafolgestörungen,
  • Psychologische Krisenintervention in den Wohnheimen,
  • Psychoedukation für Sozialbetreuer*innen und Supervision der Mitarbeiter*innen in den Wohnheimen.

Wir haben festgestellt, dass es gerade den besonders stark belasteten Menschen, die Opfer von Krieg, Gewalt, schweren Menschenrechtsverletzungen bis hin zu Folter geworden sind, oftmals nicht gelingt, sich psychologische Unterstützung zu holen. Diejenigen, die es versuchen, scheitern in Ermangelung ausreichender Therapieplätze. Die Regelversorgung versagt an dieser Stelle.

Die Folge: Die Menschen bleiben in den Wohnheimen auf ihren Zimmern und schmälern ihre Chance auf Integration. Sie leiden unter massiven Schlafproblemen und Alpträumen, und zeigen alle Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung, sehr häufig in Kombination mit Depression. Der Wirkungskreis der somatoformen Störungsbilder, hinter denen sich meist seelische Leiden verbergen, ist ein Ausdruck ihres psychischen Zustands. Dazu kommen häufig stark ausgeprägte, kulturbedingte Berührungsängste, die sie davon abhalten, ein*e Psycholog*in oder Psychiater*in aufzusuchen.

Wir verstehen es als unsere Aufgabe, an dieser Stelle eine Brücke zu bauen und kultursensibel mit dem Menschen ins Gespräch und in Kontakt zu gehen, um Beziehungen aufzubauen. Unseren Dolmetscher*innen kommt an dieser Stelle eine besonders wichtige kulturvermittelnde Rolle zu.

Wir kennen die individuellen Geschichten dieser Menschen von Gewalt, Krieg, Flucht und haben zutiefst Respekt vor dem, was diese Menschen erlebt und überlebt haben. In ihren Heimatländern haben sie oft alles verloren. Häufig sind sie ohne Familie in Deutschland, ohne Freunde und ohne ausreichende Sprachkenntnisse. Solange sie sich im laufenden Asylverfahren befinden, herrscht eine Ungewissheit, die ihnen das Ankommen in Deutschland erschwert. Die Wohnheime sind allenfalls ein künstliches „zu Hause“, und eine Aussicht darauf, sich ein Leben in den eigenen vier Wänden aufzubauen, haben sie in den kommenden Jahren aufgrund des Wohnungsmangels in Berlin kaum. Das sind Jahre, in denen Kinder in Wohnheimen aufwachsen; Jahre, in denen traumatisierte Menschen in engen Wohnverhältnissen miteinander ausharren müssen. Die Situation verlangt ihnen eine psychische Höchstleistung ab.

Durch den persönlichen Kontakt und die therapeutische Anbindung – in welcher Form unserer psychosozialen Angebote auch immer – kann ein Raum für Vertrauen entstehen. Und wo Vertrauen aufkeimt, kann Heilung beginnen. Dieses Grundvertrauen in Andere haben diese Menschen aufgrund ihrer unmenschlichen Erlebnisse oftmals verloren. Unsere Erfahrungen zeigen uns allerdings, dass unsere Präsenz in den Wohnheimen und der Kontakt zu den Menschen dieses Vertrauen wieder wachsen lässt.

Wir konzentrieren uns auf traumatisierte und besonders schutzbedürftige Flüchtlinge und haben dank des bürgerschaftlichen Engagements von ehrenamtlichen Psychotherapeut*innen und Ärzt*innen Arbeitsstrukturen geschaffen, die uns eine zielgerichtete therapeutische Arbeit ermöglichen. Wir sind eng vernetzt in Kooperationsverbunden und mit Partner-Einrichtungen wie z. B. dem Gesundheitsamt, den Sozialämtern, Jugendämtern, Beratungsstellen und Frauenhäusern.

Unterstützt durch unsere Arbeitskreise und Intervisionsgruppen, bewerten unsere ehrenamtlichen Professionellen die psychologische Versorgung traumatisierter Menschen nicht nur als eine fachliche Bereicherung: sie erleben ihr Engagement auch als eine sinnstiftende Tätigkeit.

Wir bedanken uns bei jedem Einzelnen dieser professionellen Ehrenamtlichen für die Bereitschaft, ihr Wissen, ihre Erfahrung und ihre Menschlichkeit für diese vulnerable Zielgruppe bereitzustellen.

Erfahrungsbericht

F. aus Afghanistan, 53 Jahre alt, kam zu mir in die psychosoziale Sprechstunde im Wohnheim und klagte über Rückenschmerzen, Kopfschmerzen und eigentlich über Schmerzen im ganzen Körper. Sie wollte Medikamente haben, sie dachte ich sei Ärztin. Ich klärte sie darüber auf, dass ich psychologisch mit den Menschen arbeite. Das machte ihr Angst. Sie sei ja nicht verrückt. Sie schwieg. Ich bot ihr einen Tee an und stellte ihr Fragen zu der Schönheit des Landes Afghanistan und fragte, aus welcher Region sie denn käme. Sie war ganz überrascht: Das habe sie in Deutschland noch nie jemand gefragt. Ich fragte sie, ob es Berge, Blumen, Felder und Wälder gäbe. Ihre Hände sahen von jahrelanger Arbeit, vielleicht auch Feldarbeit, gegerbt aus, ihre Haut ebenfalls. Plötzlich kam Leben in ihr Gesicht, ihre Augen blitzten und sie beschrieb mir lebhaft ihr wunderschönes Haus; ihr ganzer Stolz sei ihr Garten gewesen, besonders die Rosen dort in allen Farben. – Ich lud sie wieder zur nächsten Sprechstunde ein.

Viele Male saßen wir mit einer Tasse Tee in „ihrem Garten“ und sie erzählte mir von ihrem Leben, was eigentlich ein glückliches war bis zu dem Tag, als die Taliban ihr Haus stürmten, ihren geliebten ältesten Sohn vor ihren Augen umbrachten. Er war gerade mit dem Medizinstudium fertig und in der Region schon als angehender Arzt praktizierend. Ihr Haus wurde zerstört, sie wurde schwerst misshandelt. Die Spuren zeigte sie mir an ihrem Körper. Die Narben sprachen ihre eigene Sprache. Immer und immer wieder wollte sie darüber sprechen. Sie könne sonst mit keinem sprechen, ihr Ehemann leide selber und ihre anderen beiden Söhne sollen nicht sehen, wie schlecht es ihr gehe. Sie weinte viel. Regelmäßig wurde ich zur Krisenintervention von den Mitarbeitern im Wohnheim gerufen: „F. sei wieder in Ohnmacht gefallen, umgefallen, sei nicht ansprechbar“. Dies war ein Ausdruck ihrer Angst, mit ihrer Familie abgeschoben zu werden. So sprach meine Kollegin in der Sozialberatung ausführlich mit ihr, damit sie zu einer annähernd realistischen Einschätzung ihres Asylantrages kommen konnte. Das beruhigte sie, das schaffte Klarheit.

Sie wollte nicht aus ihrem Zimmer, wollte auch keinen Kontakt zu anderen Frauen im Wohnheim. Sie misstraute jedem. Aber sie kam in die Sprechstunde und wollte Antworten auf die Fragen ihrer Seele. Gemeinsam trauerten wir um ihren Sohn. Sie begann den Zusammenhang zwischen ihren Schmerzen und ihrem psychischen Zustand zu begreifen.– Nach einiger Zeit gelang es, sie zu bewegen, in die persisch-sprechende Frauengruppe zu gehen, in den Kontakt zu gehen. Das kostete sie unendlich viel Überwindung, aber sie tat es. Sie machte sich auf den Weg. Sie lebt inzwischen mit ihrer Familie in Berlin in einer eigenen Wohnung.

Team

  • Elisabeth Petermichl

    Dipl. Sozialpädagogin Soziale Beratung

  • Alexandra Schulz

    Integrative Gestalttherapeutin, Psychotherapeutin (HP), Dipl.Kauffrau Projektleitung und Psychosoziale Versorgung in Flüchtlingsunterkünften

Kontakt

Als Ansprechperson für den Bereich Aufsuchende Arbeit im Bezirk Steglitz wenden Sie sich bitte an:
Alexandra Schulz
alexandra.schulz@xenion.org