In der Beratung und Therapie bei XENION erreichen uns aktuell immer mehr kurdische Geflüchtete aus der Türkei – seit der zweiten Jahreshälfte 2023 bilden sie die größte Gruppe unter allen neuen Klient:innen im Erwachsenenbereich. Viele von ihnen befinden sich in akuten Krisensituationen, leiden unter posttraumatischen Belastungsstörungen und weisen in einigen Fällen suizidale Tendenzen auf. Kurd:innen sind in der Türkei immer stärkeren Repressionen und politischer Verfolgung ausgesetzt. Umso beunruhigender ist die Tatsache, dass die psychische Belastung unserer Klient:innen sich nach ihrer Flucht gravierend verschlechtert anstatt sich zu verbessern. Dies wird nicht zuletzt durch das hiesige Asyl- und Abschiebesystem politisch bedingt und mit verursacht.

Die Zahl der Menschen aus der Türkei, die einen Asylantrag in Deutschland stellen, ist in diesem Jahr immens gestiegen: Mit 55.354 Erstanträgen (Januar bis November 2023) gegenüber 19.754 Anträgen 2022 ist die Anzahl der Schutzsuchenden um mehr als 180 Prozent gestiegen. Über drei Viertel von ihnen sind Kurd:innen. Deutschlandweit machen Geflüchtete türkischer Herkunft mittlerweile die zweitgrößte Gruppe, nach Syrien und gefolgt von Afghanistan, in der Asyl-Statistik aus. Bei der Schutzquote, also den bewilligten Asylanträgen, gibt es demgegenüber eine große Kluft: Asylsuchende aus der Türkei haben weitaus geringere Aussichten auf einen positiven Asylbescheid.  Die Gesamtschutzquote von Geflüchteten aus der Türkei liegt bei nur 14 Prozent im Vergleich zu 88 Prozent bei Geflüchteten aus Syrien und 76 Prozent bei Afghan:innen.

Die Menschenrechtssituation und die Rechtstaatlichkeit in der Türkei haben sich in den letzten Jahren massiv verschlechtert. Am Tag seiner Wiederwahl verkündete Erdoğan, den Druck auf seine Widersacher:innen massiv zu erhöhen. Von der politischen Repression sind Regimekritiker:innen und unter ihnen insbesondere Kurd:innen betroffen. Ihnen drohen oft hohe Haftstrafen aufgrund des Vorwurfs des Terrorismus oder seiner Unterstützung. In vielen Fällen sind auch Berichte von Folter und unmenschlichen Haftbedingungen bekannt. Trotzdem werden Asylanträge von Kurd:innen quasi grundsätzlich abgelehnt, weil die staatliche Verfolgung nicht anerkannt wird, inländische Fluchtmöglichkeiten aufgerufen werden und die Willkür des türkischen Rechtssystems sowie die faktische Bedrohung für in die Türkei abgeschobene Kurd:innen dabei nicht in Betracht gezogen wird.

Die alarmierenden Konsequenzen dieser Praxis begegnen uns alltäglich in unserer Arbeit. Unser Kollege Leon Rentrop erklärt: „In der psychosozialen Beratung begegnen wir oft Menschen, die an der faktischen Unmöglichkeit der Anerkennung ihrer Asylgründe verzweifeln. Sie fühlen sich komplett allein gelassen, nicht gesehen und werden vom deutschen Staat enttäuscht. Bei einigen führt diese schwere Belastung zu Suizidgedanken. Viele der betroffenen Kurd:innen gehören unserer Einschätzung nach zur Gruppe besonders schutzbedürftiger Geflüchteter, denen nach der EU-Aufnahmerichtlinie 2013/33/EU psychische Versorgung und Schutz zusteht. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) ignoriert ihre besondere Schutzbedürftigkeit jedoch kontinuierlich. Ihre Asylgesuche werden nach relativ kurzer Zeit mit aller Härte abgeschmettert, ohne dass die betroffenen Personen sich psychisch stabilisieren können. Das Aufrechterhalten von psychischen Krisen durch Abschiebungen und deren Androhungen schaden der Gesundheit der Betroffenen massiv.“

Unser Einsatz für die psychosoziale Stabilisierung unserer kurdischen Klient:innen mittels Beratung, Kriseninterventionen, therapeutischen Maßnahmen und Stellungnahmen ist sehr hoch und mit großen Hürden verbunden. Wir versuchen, gemeinsam mit den betroffenen Personen Ressourcen aufzudecken und Perspektiven aufzubauen. Dies wird jedoch durch die systematische Aberkennung des Rechts auf Asyl für Kurd:innen aus der Türkei kontinuierlich zunichte gemacht. Wir fordern daher, dass die erzählte Lebensrealität, das Recht auf Asyl und die besondere Schutzbedürftigkeit anerkannt werden.

Mehr zum Thema im Deutschlandfunk-Beitrag von Luise Sammann: „Die Hoffnung auf Veränderung schwindet„, inklusive eines Interviews mit Ayşe Çelik, Menschenrechtsanwältin aus der Türkei und Klientin von XENION.